Die Ehefrau

„Jeder weiß, wie Frauen unermüdlich weitermachen, wie sie Pläne entwickeln, Rezepte, Ideen für eine bessere Welt, die sie dann manchmal auf dem Weg zum Gitterbett mitten in der Nacht, zur Drogerie oder ins Badezimmer verlieren. Sie verlieren sie, während sie ihren Ehemännern und ihren Kindern den Weg ebnen, auf dem diese glücklich durchs Leben gehen.“
(Meg Wolitzer – Die Ehefrau)


Passendes Zitat, gestern gelesen, zu diesem heutigen Montag, dem ersten Tag des Jahres 2021 mit Distanzunterricht. Angesetzt auf drei Wochen. Im Hinterkopf von uns Eltern dräut bereits jetzt Verlängerung. Bloß jetzt noch nicht an Februar denken. Mit einem ausgefeilten Schlachtplan versuchen wir uns hälftig aufzuteilen: diese Woche übernimmt mein Mann die Heimbeschulung der beiden Erstklässler vormittags. Immerhin, unsere Grundschule ist sehr engagiert-digital, es liegt ein detaillierter Stundenplan vor, viele Arbeitsmaterialien sind auf eine Online-Plattform hochgeladen. Inklusive Sportvideos vom BR mit Felix Neureuther.

Der Mann fährt nachmittags extra ins Büro, um die Arbeitsblätter auszudrucken, weil wir keinen Drucker haben (ich weigere mich einen anzuschaffen, die Wohnung ist schon voll genug). Er war seit acht Monaten nur einmal im Büro. Ich habe das „Privileg“, währenddessen an unserem kleinen Tischchen im Schlafzimmer, das seit März als Arbeitsplatz fungiert, den Arbeitsrechner aufzuklappen und in mehr oder weniger sinnvollen Einheiten meiner Erwerbstätigkeit nachzugehen.

Das mit dem „glücklich durchs Leben“ gehen erscheint vorerst als unerreichbares Vorhaben. Ich bin zurfrieden, wenn der Tag ohne große Wutanfälle, Streitereien und Frust verbracht wird. Der Zeithorizont geht nicht über 24h hinaus.

Morgen um 8:30h ist Videokonferenz mit der Klasse 1c.


Zeit des Widerstands | Oder: doppelte Zereissprobe.

Sie beißen und schlagen sich. Sie hauen sich gegenseitig Holzklötzchen auf den Kopf. Sie schubsen und kratzen. Sie brüllen, weinen und heulen. Vor Frust, vor Wut, vor Schmerz, so ganz genau weiß man es nicht immer. Der Sohnemann ist dabei meist die treibende Kraft. Das Töchterchen reagiert oft nur auf sein Verhalten, mitiert es oder setzt sich schlichtwegs zu. Sie werden bald zwei Jahre alt und – HURRA – willkommen in den „Terrible Twos“.

Beim Töchterlein verlaufen die Wutanfälle etwas milder, sie lässt sich schneller ablenken und reagiert leichter auf Argumente und Gespräche. Was vielleicht damit zu tun hat, dass sie sich generell besser sprachlich äußern und erklären kann. Der Sohnemann ist leider weniger eloquent und brüllt wie am Spieß. Hat einen großen Willen und will Grenzen ungern akzeptieren. Ein NEIN fordert ihn gerade zu heraus.

Er will oft etwas, das ich nicht verstehe.
Brüllt, als ich die Waschmaschine schliesse. Brüllt, als ich das Telefon in die Ladestation stelle.
Brüllt, als ich den Vorhang aufziehe. Brüllt, wenn ich den Vorhang zuziehe.

Oder er will etwas und bekommt es nicht:
Brüllt, wenn ich ihm die Messer nicht gebe. Brüllt, wenn ich die ausgeräumte Bücher zurück ins Regal stelle. Brüllt, dass er das heiße Bügeleisen nicht anfassen darf.

Oder er brüllt, wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen läuft:

Die Bauklötze fallen um. Der Apfel wird in kleine Stücke geschnitten. Der Bagger auf der Baustelle fährt nach links, statt geradeaus.

I do my very best.
Ich versuche ruhig zu bleiben, geduldig und einfühlsam. Aber das geht leider nicht immer, ich bin eben kein Übermensch. Es ist nicht nur ein Kind, auf das ich eingehen soll. Sie haben unterschiedliche Bedürfnisse und unterschiedliche Toleranzgrenzen. Zwei Kleinkinder und leider manchmal nur ein Geduldsfaden. Und dann bin ich ratlos und werde ebenfalls wütend.

Wütend, weil ich nicht den ganzen Tag angeplärrt werden möchte. Wütend, weil ich selbst hin und wieder zurückplärre. Wütend auf mich, weil ich wütend bin. Dass ich mich provozieren lasse, die Brüllerei der kleinen Zwillinge doch immer wieder persönlich zu nehmen. Sehne mich nach abends, dass der Gatte heimkommt und ich nicht mehr in der „Unterzahl“ bin.

Natürlich weiß ich, dass es eine wichtige Entwicklungsphase ist. Zwischen Wollen und Können ist es eine riesige Kluft – frustriernd! Die Welt für ein Kleinkind ist verwirrend und aufregend gleichzeitig. Der Willen muss erforscht werden, um sich selbst abzugrenzen, eine Reaktion auf die eigene Persönlichkeit zu bekommen. Und natürlich weiß ich auch, dass Ruhe bewahren die beste Strategie ist. Leider nicht immer umzusetzen.

Und dann sind plötzlich wieder wie ausgetauscht: Zuckersüß statt wutentbrannt.

Sie spielen konzentriert miteinander, bauen hohe Türme, lesen sich brabbelnd vor. Spielen „Guck-Guck“ hinterm Vorhang und lachen sich scheckig. Hüpfen ausdauernd auf dem Sofa und grinsen breit von einem Ohr zum andern. Sind eifrig beim Kochen und Hausarbeit zur Hilfe. Tragen ihre Tellerchen und Becher in den richtigen Platz am Regal. Schmusen sich links und rechts an mich. Suchen Nähe, Wärme und Körperkontakt. Babbeln und quatschen der ihnen eigenen Sprache. Stellen mir ausdauernd Fragen und versuchen die Welt zu verstehen. Staunen und Freuen sich über kleinste Dinge, sind völlig eins mit sich selbst und ihrer Umgebung.

Zum Glück für mich! Denn zweifacher Widerstand als Dauerzustand … kaum auszuhalten!

Lektüre // Kauf- und Kunstrausch, Tiefsinn und Belanglosigkeit.

Emile Zola // Das Paradies der Damen
Was für ein grandioser Roman! Meine Liebe zum 19. Jahrhundert bestätigte erneut: es gibt viele Parallelen zwischen unserer Jetzt-Zeit und dem gesellschaftlichen Wandel, den technischen Innovationen und sozialen Themen der Zeit vor 150 Jahren.
Zum Inhalt: Die verwaiste und mittellose Denise trifft mit ihren zwei jüngeren Brüdern aus der französischen Provinz in Paris ein, um dort  bei Verwandten unterzukommen. Auf dem Weg zu ihrem Onkel begegnet sie zum einem riesigen Kaufhaus – dem „Paradies der Damen“. Denise ist sprachlos und überwältigt von den verschwenderischen Auslagen und dem permanenten Publikumsverkehr. Der Onkel lebt direkt gegenüber des Kaufhauses und betreibt dort einen kleinen, alt eingesessenen Stoffhandel, der mehr schlecht als recht läuft. Das große Kaufhaus zieht ihm und den vielen anderen Kleinhändlern des Viertels die Kundschaft ab. Denise kann also nicht bei ihrem Onkel unterkommen und fängt als kleine Verkäuferin im Kaufhaus an, das von nun an ihr Leben bestimmt.
Zola beschreibt Denises harten Arbeitseinstieg, verwebt ihn mit der Geschäftspolitik des Unternehmens, zeichnet den Klatsch und Tratsch der Angestellten nach. Mobbing, feindliche Abteilungen, ein Spagat zwischen Freundlichkeit gegenüber der Kundschaft und dem harten Alltag als rechtlose Arbeiterin. Brillant beschrieben, wie die Pariser Gesellschaftsschichten aufeinanderprallen. Geldadel, Klein- und Großbürgertum, Bohème, Prekariat, alle sind vereint im totalen Konsum: Was zählt ist Shopping, Shopping, Shopping! Und natürlich: Über der Moral steht das Big Business… das klingt doch sehr aktuell, oder?
Denise schlägt sich wacker im lasterhaften Paris. Sie versucht sich selbst treu zu bleiben. Begegnet aufrecht, standhaft den unterschiedlichsten Persönlichkeiten. Eine tugendhafte Heldin des Alltags eben (sie ist halt eine Figur des 19. Jahrhunderts!). Natürlich gibt es eine zarte Liebesgeschichte. Der Roman liest sich wunderbar. Eine Sozialstudie über die in die rasanten Veränderungen in Paris und ein herrliches Aufzeigen des Mikrokosmos Konsumtempel. Klassische Literatur mit beißender Gesellschaftskritik, kein bisschen altmodisch.
Lesenswert!

Haruki Murakami // Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
Ein melancholisches und leises Buch: Tsukuru Tazaki verlässt fürs Studium seine Fünfer-Clique und siedelt nach Tokio über. Er lässt jedoch keine Gelegenheit aus, die Freundschaft zu pflegen und besucht sie regelmäßig in der alten Heimatstadt. Von einem Tag auf den anderen ist jedoch alles anders: niemand ist mehr für ihn erreichbar, Tazaki wird trotz verzweifelter Kontaktaufnahme abgeblockt. Erschüttert erfährt er, dass seine ehemals besten Freunde nichts mehr mit ihm zu tun haben möchten, und ihn regelrecht verstoßen. Der Grund dafür bleibt vage und Tazaki versteht nicht, wie ihm geschieht.  Er leidet schwer an der unfreilligen Isolation und stürzt in eine Sinnkrise. Einsam und schwermütig führt er ein eintöniges Leben in Tokio, am Rand zur Selbstaufgabe und Suizid. Nur langsam schöpft er wieder neuen Lebensmut und wendet sich seinem Beruf und neuen Freundschaften zu.
Erst viele Jahre später akzeptiert Tazaki die Bruchstelle in seiner Biographie. Er verliebt sich, erzählt von dem dunklen Fleck in seinem Leben. Seine Freundin ermutigt ihn, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Auf einer (Pilger-)Reise in die Vergangenheit sucht Tazaki seine alten Freunde von früher auf, und nähert sich den Gründen für die abrupte Verstoßung an.
Haruki Murakami erzählt eine Geschichte von Freundschaft, Verlust und Einsamkeit. Immer wieder surreal, voller Symbolik und gleichzeitig schmerzvoll realistisch. Wir leiden stumm mit Tazaki mit, der von den Menschen, denen er am meisten vertraute, geopfert wurde. Was bedeutet (vergangener) Schmerz für einen Menschen? Ein lesenswerter Roman.

Michel Houllebecq // Karte und Gebiet
Um Houellebecq habe ich einen großen Bogen gemacht habe… jetzt hole ich mit Vergnügen und Freude mein Pensum nach: Ein großartiges Buch! Eine Inhaltszusammenfassung ist gar nicht einfach, um was geht es eigentlich? Um den Kunstmarkt, den der Protagonist Jed Martin aufrollt? Um eine Satire auf Frankreichs (Medien-)Gesellschaft? Um eine Spiegelung des Autors selbst (Houllebecq selbst spielt eine wesentliche Rolle)? Um eine tiefschwarzen Kriminalgeschichte, die boshaft und sarkastisch das intellektuell Milieu seziert? Um eine verlorene Vater-Sohn-Geschichte?
Als wäre das der Themen nicht genug, halsbrecherisch und gleichzeitig punktgenau behandelt Houllebecq das Verhältnis von Mann und Frau, Ware und Geld, Kunst und Liebe, Arbeit und Globalisierung, Leben und Vergänglichkeit.
Ein wahrlich fulminanter Gegenwartsroman!

John Williams // Stoner
Nicht alles, was die in den Feuilletons hochgejazzt wird und einen „Spiegel-Bestseller“-Aufkleber trägt, lohnt der Lektüre. Hätten wir dieses Buch nicht in unserem Literaturzirkel gelesen, wäre ich diese „Neuentdeckung“ nach einigen Seiten wieder aus der Hand gelegt. Zu langatmig, belanglos und auch deprimierend.
Stoner, Sohn eines (wort)armen Farmer-Ehepaares, entdeckt seine Leidenschaft für Literatur und findet seine Heimat in der Universität Missouri, wo er Zeit seines Lebens lehren wird. Er heiratet jung und lebt eine unglückliche Ehe. Von seiner kalten und neurotischen Ehefrau will er sich jedoch nicht trennen. Auch Tochter Grace bringt nur vorrübergehend Freude in den Alltag, sie wird Alkoholikerin.
Stoner führt ein unbedeutendes Leben in seinem Elfenbeinturm der Universität. Widerstände und Intrigen erträgt er stoisch und passiv. Nur einmal scheint er aus seinen gewohnten Bahnen auszubrechen: er verliebt sich in eine junge Studentin, mit der er eine leidenschaftliche Affäre beginnt. Doch den Mut für eine gemeinsame Zukunft bringt Stoner nicht auf. Alles in allem also ein Leben ohne große Hoffnungen, ohne Heiterkeit oder Ablenkungenmühselig beladen von Geburt bis zum Tod.
Was mich am Meisten gestört hat, waren weder lethargischer Charakter noch ereignisarme Handlung, sondern Komposition, Aufbau und „Schnitt“. Manche Bestandteile aus Stoners Leben waren mir zu beiläufig (Motivation das Farmerleben zu verlassen, Liebe zur Literatur) und andere viel zu episch (Intrigen innerhalb der Universität, Konkurrenten). In der Mischung ergibt für mich eben keine interessante Literatur.
Einzelne Gedankengänge von John Williams mögen durchaus wertvoll sein – ich finde dennoch nicht, dass es nötig war, den Roman „wiederzuentdecken“.

Joseph Conrad // Herz der Finsternis
Ein Klassiker, 1899 geschrieben. Kein einfach zu lesendes Buch. Ohne unseren Literaturzirkel wäre ich nie darauf gestoßen.
Wir lesen es heute mit ganz anderen Augen, als es die Zeitgenossen von Joseph Conrad aufgenommen haben werden. Ein alptraumhaftes, bedrückendes Buch, das die Grausamkeiten des 20.Jh. vorwegnimmt und ein dunkles Kapitel an Kolonialgeschichte beleuchtet.
Die Hauptperson Marlow befindet sich auf der Schiffreise in „das Herz der Finsternis“ (namentlich nie genannt: Belgisch-Kongo), um Elfenbein aus dem Landesinneren an die Küste zu transportieren. Dort wird er den sagenumwobenen Kurtz zu treffen, der sich dort ein Imperium aufgebaut hat und sich von den Einheimischen als Gottheit verehren lässt.
Conrad beschreibt keinen Reisebericht, sondern eine Seelenreise, die der Faszination und Anziehungskraft des Bösen nachspürt. Den dunklen Seiten, die unter extremen Bedingungen die Oberhand gewinnen. Der Gier nach Profit. Dem Nachlassen des inneren Kompasses fernab der Zivilisation. Dem Verlust von Moral.

Sprachlich-ästhetisch hochanspruchsvoll und leider auch immer noch aktuell: Profitgier, Rassismus, Fremdenhass, Ausbeutung, europäische „Herrenkultur“, Gewalt und Unterdrückung prägen das 21. Jahrhundert weiterhin.

Sommer, fragmentarisch.

Alles nicht so einfach (nicht nur die deutsche Sprache).
»Jetzt ist passt«, radebrecht der kroatische Handwerker, als er schwitzend unseren demolierten Fensterrahmen bei 34° wieder in Ordnung bringt. Für eine Sekunde musste ich nachdenken, was er damit sagen will. Die fortdauernde Hitze hinterlässt Spuren in meinem Hirn, alles ist auf Slow-Motion programmiert.
Achso. Der Groschen fällt.
»Jetzt ist passt
«, heisst dass jetzt alles gut ist, eben repariert. Die etwas krude Satzkonstuktion leuchtet mir ein.

»Jetzt ist passt« könnte auch der Titel für die letzten Monate sein.
Denn es passt doch alles bei uns. Nur: fühlt es sich eher nicht rund an.
Sondern zusammengeschustert und anstrengend.

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Familienergänzende Betreuung (Begriff aus der Zeitung)
Was hat die Suche an Energie gekostet. Immerhin: Wir haben jetzt für die Zwillinge ab Anfang September zwei Betreuungsplätze. Ums Eck, nicht sehr teuer, eine kleine Gruppe von 10 Kindern, zwei sympatische Erzieherinnen.
Eine Eltern-Kind-Initiative, d.h. eine aktive Mitarbeit der Elternschaft ist Vorraussetzung. Zweimal monatlich für alle Kinder kochen, diverse Dienste und Aufgaben. Der Gatte macht den Finanzvorstand, ich übernehme die Betreuung der Webseite und koordiniere die Anfragen und Warteliste.

Ich wollte sowas ursprünglich nie. Mit Zwillingen und Halbtagsjob hätte ich genug an der Backe, dachte ich in meiner Naivität. Da kannte ich das Haifischbecken noch nicht, in dem wir nach Betreuungsplätzen fischten. Die Suche zermürbt einen, macht einen klein und demütig.
Jetzt denke ich, es ist eben so, es soll so sein.

Die Vorteile überwiegen. Ich will, dass es gut wird, dass die Kinder sich wohlfühlen, dass wir mit der ganzen Konstellation zufrieden sind.
We will see. In drei Wochen geht die Eingewöhnung los.
(Und in sechs Wochen geht der Suchwahn von vorne los: Für den Kindergarten nächstes Jahr)

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Dingsbumbsgedöns (Vereinbarkeit, bam!).
Mein beruflicher Wiedereinstieg beginnt ab Oktober. Es lief bis jetzt alles reibunglos ab – ein paar Mails hin und her zur Terminabsprache mit meinem Arbeitgeber und dann ein entspanntes Gespräch. Leider starte ich nicht mehr im gleiche Team wie vorher. Schade, aber das war zu erwarten. Die neuen Kollegen kenne ich teilweise, teilweise nicht. Ich werde 20h arbeiten, verteilt auf fünf Tage. Sogar entsprechend meiner Qualifikation.
Das fühlt sich ganz gut an.

Auch hier gilt: ich bin gewillt, dass es gut wird und passt.
Was der Alltag bringt, wird sich weisen.

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Mikrokosmos Dachgeschoss (Nein! Nein! Nein!).
Dieser Sommer ist vergleichbar mit 2003. Morgens um halb neun zu ersten Mal schwitzen. Die Abendstunden bringen keine kühle Luft mehr, das Gras in den Parks ist verdorrt und gelb. Die Hitzewelle überdauert mehrere Woche und hat epische Züge. Die Stadt, die Atmosphäre, der Alltag ändert sich gravierend.
Im Sommer 2003 hatte ich (neben üblem Liebeskummer) einen Job, den ich nicht mochte. In einer unklimatisierten Agentur saß ich vor einem flirrendem Computer. Aus den Fugen des Flachdaches über mir tropfte der geschmolzene Teer. Zum Ausgleich machte ich diesen Sommer große Bergtouren ins Karwendel und ins Wetterstein, denn ab 2500m waren die Temperaturen wieder erträglich.

Im 2015 konnte ich nicht in die Höhe flüchten. Das unklimatisierte Flachdach ist durch ein unklimatisiertes Dachgeschoss eingetauscht. Bis zu 36° abends in der Wohnung. Die Luft steht. Die Fenster bleiben tagsüber verriegelt, Vorhänge geschlossen. Hilft alles wenig. Auch wenn ich versuche immer wieder zu flüchten, mit kleinen Kindern bin ich allerdings immer wieder an die Wohnung gebunden. In der es buchstäblich unerträglich ist.
Wir alle schlafen schlecht und leiden auf unterschiedliche Weise.
Was dazu führt, dass ich meinen Mama-Job gerade nicht sehr mag.

Denn zur Hitze kommen die TrotzAutonomie-Phase. Das Wort „Nein“ schallt mir unzählige Male pro Stunde entgegen, in verschiedendlichster Intonation, immer aus dem Brustton zwei willensstarker Zwillinge. „Nein“, wenn sie Sandalen statt Gummistiefel anziehen sollen. „Nein“, wenn es das rote T-Shirt ist. „Nein“, wenn wir im Supermarkt an den Erdbeeren vorbeifahren. „Nein“, wenn die Nudeln falsch auf dem Teller liegen. Meine Geduld, Nerven und Kraft sind am Anschlag.
(Immerhin habe ich keinen Liebeskummer)

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Aussichten (eigentlich heiter bis gut).
In ein paar Tagen habe ich »frei«. Ich fahre drei Tage mit meinem Vater zum Bergsteigen. Ohne Kinder, die hütet der Gatte. Seit geschlagenen zwei Jahren, das erste Mal, dass ich länger als ein paar Stunden weg sein werde. Vermutlich eine gute Sache!
Ich freue mich also darauf – und vermisse die Zwillinge bestimmt sehr.

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Update

(Vorgestern gabs einen Temperatursturz von 15° und heute hänge dicke graue Wolken am Himmel. Das interne Familienklima ist gleich deutlich entspannter.)

 

Sieben Absagen auf einen Streich.

Briefkasten auf.
Tief durchatmen.

Der lang erwartete Brief von der Stadt kam und brachte uns sieben Absagen für die so dringend von uns benötigten Kita-Plätze. Ein echter Rückschlag, denn nach inzwischen 20 Monaten auf der Warteliste, haben wir uns schon Chancen ausgemalt, dass wir zu Zuge kommen.

Ich habe großes Verständnis, dass die Platzvergabe nach Dringlichkeit erfolgt und sehe ein, dass Alleinerziehende und andere Härtefälle zuerst berücksicht werden. Von mir aus dann noch alle Eltern, die bereits Geschwisterkinder in der Kita haben. Aber dann sollten doch irgendwann mal die Otto-Normal-Familien dran kommen, oder?!

Dem scheint aber nicht so, sonst gäbe es nicht diese verzweifelten Geschichten, die ich allerorts höre. Und ich bin jetzt Teil einer verzweifelten Geschichte. Ob man einen Platz bekommt oder nicht, scheint pures Glück zu sein, der Nasenfaktor scheint eine Rolle zu spielen und vor allem, der Wohnort. Am Stadtrand scheint es einfacher, in den innerstädtischen Viertel hoffnungslos.

Einen Zwillings-Bonus gibt es übrigens nicht.
Im Gegenteil.
Es gibt eher einen Zwillings-Malus, wie mir scheint.
Denn wir beanspruchen ja gleich zwei Plätze, unverschämte Forderung.
Wir werden quasi bestraft, dass wir zwei Kinder gleichzeitig bekommen habe.

Diese Stadt macht es einem nicht gerade einfach als Familie. Und zwar systematisch, es ist zum Angst bekommen.

Mal zur Erinnerung, was alles schiefläuft:
Ich habe die Kinder bereits angemeldet, da waren sie noch nicht mal geboren. Allein das schon ziemlich spooky.
Ich habe letzten Herbst, als die Kinder ein Jahr wurden, keinen Platz bekommen. Fand ich akzeptabel, dewegen habe ich nochmal die Elternzeit verlängert. Diesen Herbst werden die Kinder zwei. Wenn sie jetzt wieder keinen Kita-Platz bekommen, brauche ich auch eigentlich keinen mehr, denn mit drei Jahren beginnt der Kindergarten (ob wir da Plätze bekommen, steht auf einem anderen Blatt).

Und ich stehe ja nicht nur auf den städtischen Einrichtungen auf der Warteliste, sondern auch bei diversen privaten Anbietern. Meine Bewerbung erfolgt nicht blindlings, sondern ich habe wie Anfahrtswege, Öffnungszeiten, Wohnortnähe berücksichtigt. In diese Reihenfolge. Von pädagogischem Konzept sprechen wir noch nicht mal. Dabei sollte das doch auch eine Rolle spielen, tut es aber nicht, so traurig das ist.

Nach einem Schockstarre, Wut und Tränen habe ich mich wieder etwas derrappelt.

Mit Hilfe des Gatten einen Schlachtplan überlegt. Weiterlesen

Saulaune (und auch wieder nicht).

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Ich bin genervt …

… wegen der Krankheitswelle, die letzte Woche durch unsere Familie geschwappt ist. Alle lagen darnieder, schön der Reihe nach. Bis auf mich. An jenen Tagen, wo das Meiste an mir hängt, fühle ich mich wie eine Mischung aus Superwoman, Lonesome Cowboy und Grottenolm. Laune zwischen Pack-ich und Leck-mich.

… dieses Sauwetter. Für das lange Maiwochenende war eine Auszeit in den Bergen geplant. Gatte, Kinder und ich in der Ferienwohnung, meine Eltern als freundliche Babysitter in einer Pension nebenan. Angedacht waren Wanderungen und entspannte Tage. Gekommen ist Dauerregen, kübelweise. Wir hockten überwiegend in der Wohnung, die für vier Erwachsene und zwei Kleinkinder viel zu klein ist. Der Sohnemann hat spontan 40° Fieber bekommen. Stimmung also eher mies. Was blieb uns übrig, als früher heimzufahren und die Witterung zu verfluchen? Pläne über den Haufen werfen – mag ich gar nicht.

… die noch immer ungelöste Kita-Frage. Jetzt im Mai werden die Plätze für Herbst vergeben. Ein Absage gab es bereits. Von den Anderen, bei denen ich seit Monaten auf der Warteliste stehe, habe ich noch nichts gehört. Ich schwanke zwischen Zweckoptimismus und Schwarzmalerei. Ich wüßte gerne woran ich wäre. Wieder arbeiten? Die Stadt auf Betreuungsplätze verklagen (gibt ja neuerdings Rechtsanspruch)? Private Nanny? Noch ein Jahr zu Hause bleiben? Ich habe es nicht gerne, wenn andere für mich Entscheidnungen treffen, und ich nichts tun kann als: Warten.

Um das Alles mit Positivem niederzumachen, ein paar unzusammenhängende Momente der letzten Zeit:

_Töchterlein und Sohnemann tanzen, wenn ich morgens das Radio anmache. Wackeln mit dem Windelpopo, gehen in die Knie zum Mitwippen.
_Sohnemann testet Knete. Breit grinsend popelt er die Masse auseinander und bröselt sie zwischen den Fingern klein.
_In den Balkonkästen mit dem Saatgut „Blühender Zaun“ stehen die Pflanzen 40cm hoch. Die Kinder sorgen jeden Tag mit ihrer Minigießkanne für Überflutung. Den Dill haben sie mit den Wassermengen bereits gekillt.
_Spontane Einladung einer Freundin zum ausverkauften Liederabend mit Christina Gerhaher. Riesen Applaus, riesen Abend.
_Die Kirschbäume in unserer Straße blühen. Die Zwergbirne auf unserm Balkon auch.
_Mit den Kindern im Wildpark. Begeisterung für die Viecher. Rehe, Enten, Gockel, Störche, Schweine – endlich nicht nur im Bilderbuch.
_2,50 € Kuchenglück für kaum zu bezwingen Stücke. Himbeer, Käse, Marzipan.
_Sportannäherung. 35min am Stück Laufen geht wieder. Eigenmotivation: Ich schaffe es schon mal wieder auf 60min.
_Das Töchterlein füttert die Puppe mit der Milchflasche, die sie selbst trinken soll.
_Geburtstagseinladung bei Freunden. Sprizz, Wein und keinerlein Gespräche mit anderen Müttern.
_Pritscheln am Balkon. Der Sohnemann schüttet Wasser des Eimers in Förmchen, Wasser des Förmchens in die Wanne. Wasser der Wanne trinkt er.
_Erste Erdbeeren vom Markt.

Der Sommer kommt.
Morgen Muttertag.

Mein Wunsch: Ausflug ins Gebirge.

Ein-ein-halb! 18 Monate Zwillinge.

Was ich zu meinen vormütterlichen Zeiten nie recht verstehen konnte, ist dass Eltern aus der Pistole geschossen das Alter ihrer Kleinkinder parat haben: „Klein-Kaspar ist 17 Monate und vier Tage.“, „Unsere Emma wird morgen 13 Monate und 3 Wochen alt“. „Bald ist Antonia-Laura 27 Monate“. Wieso, dachte ich mir, zählen die Leute nicht in normalen Jahreszeiten? Also in ganz-, halb-, oder vielleicht noch vierteljährlichen Schritten? Das macht die Umrechnung doch viel einfacher? Kein Mensch denkt doch in Monaten?

Tja.

Ich ahne inzwischen warum die Allgemeinheit ihre (Klein-)Kinder nach Monate bemisst. Auch ich ertappe mich in diesem seltsamen Zählrhytmus. Einfach, weil jeder Monat so wichtig erscheint. Weil sich innerhalb eines Monats so viel tut. Weil jeder Monat neues Können und überraschende Gewohnheiten der Kinder hervorbringt. Weil es vielleicht auch greifbarer ist, die Zeit mit den Kindern in kürzeren Abschnitten zu messen. Dadurch wird der Alltag, der eh an einem vorbeirauscht wie ein Schnellzug, geteilt und zerstückelt. Denn jeder Monat dauert gleichzeitig ewig und kurz. Und bedeutet in dem noch kurzen Kinderleben einen Meilenstein der kindlichen Entwicklung.

Auch so ein Insider-Eltern-Thema, von dem ich früher keine Ahnung hatte. Wenn mir heute jemand sagt: „Jasper wird bald 14 Monate“, „Henri fängt jetzt an zu krabbeln“ dann kann ich aus der Pistole typischen Eltern-Smalltalk rückfragen: „Dann läuft er doch schon sicher, oder?“, bzw. „Aha, ist also so 7-8 Monate alt, oder?“.

Nun gut. Bei uns ist also auch wieder so ein Meilenstein passiert.
Es ist Frühling 2015 und die Zwillinge sind 1,5 Jahre alt.

Ein-einhalb Jahre! Kaum zu glauben! … wo sind die winzigen Babies hin? Vorbei die Zeiten, in denen die beiden problemlos in einen kleinen Wäschekorb gepasst haben. Ausgetauscht durch zwei Zwerge die mit ihren etwas über 80cm Länge fröhlich durchs die Gegend hüpfen. Oder trippeln. Oder stapfen. Die in Pfützen trampeln, durch den Sandkasten rennen, und auf Parkbänke klettern (Motorisch sehr aufgeweckt, sagt die Kinderturnlehrerin).

Unser Leben zu viert ist laut, chaotisch und unsere Wohnung im Dauerzustand unaufgeräumt. Abends bemühe ich mich um eine spielzeugbefreite Erwachsenenwohnung. Wer je barfuß auf ein Spielzeugauto trat, weiß warum.

Alles hat sich schleichend in ein Kinderspielparadies verwandelt. Wir besitzen plötzlich Dinge, von denen ich nie erwartet hätte, dass sie unsere Türschwelle passieren. Bobbycar, zahlreiche Duplo-Spielsteine, ein Schaukelpferd, ein Puppenwagen inklusive zwei Püppchen, Steckspiele, Bauklötzchen, kleine Autos. Und einen M-ä-h-d-r-e-h-s-c-h-e-r!

Es wird gespielt, was das Zeug hält. Alles wird täglich durch einander gewirbelt, auseinander genommen, großzügigst verteilt. Der Sohnemann und das Töchterlein beschäftigen sich intensiv miteinander, schauen ihre Bücher an, sie lieben besonders Wimmelbücher und Tierbücher. Sie reichen und rangeln sich um Klötzchen & Co. Erste lautstarke Streiteren sind das Resultat. Meist noch gut zu schlichten. Erste Kratzereien gibt’s natürlich auch. Der Sohnemann ist manchmal zu ungestüm und packt seine Schwester grob an. Die wiederum nimmt’s mit Gleichmut und lässt sich kichernd das Ohr- und Haarezupfen gefallen.

Sie essen gerne. Sie essen auch alles. Und mit allen Mitteln. Mit Löffeln, Gabeln, Handflächen, Messern und Fingern. Eine riesengroße Sauerei.

Sie plappern non-stop. Alles wird kommentiert . Sie verstehen alles und versuchen jeden Tag neue Laute. Es hört sich sehr „echt“ an, aber richtige Wörter sind noch nicht wirklich dabei. Dafür umso mehr Tiergeräusche und in jedem zweiten Satz „Mama“ oder „Papa“. Ich mag mich irren, aber ich habe das Gefühl sie stehen kurz vor dem richtigen Sprechen. Wenn sie abends im Bett liegen, erzählen sie sich noch plappernderweise Geschichten – so süß.

Worum ich sie wirklich beneide ist die gute Laune, die sie meistens haben. Tränen sind schnell getröstet. Tagtäglich gibt es zwar kleinen Dramen (besonders der Sohnemann kann sauer werden, wenn er seinen Willen nicht bekommt), die aber schnell wieder vergessen sind. Sie spielen Verstecken hinter Bettchen und Vorhang, zwischen den Türen oder kriechen unter Stühle. Wenn sie sich dabei „finden“, lachen sie sich kaputt. Sie mögen sich eben auch gerne und suchen die Nähe des anderen. Sie sind ein gutes Team, ein perfektes Zweiergespann, diese beiden Racker mit den unterschiedlichen Charakteren.

Natürlich ist für mich auch weiterhin alles nicht unanstrengend. Diese ewigen Windelmengen, die immerwährenden Wäscheberge, das doppelte An- und Ausziehen. Das sisyphoshafte Aufräumen. Die engelsgleiche Geduld, zu der ich mich disziplinieren muss.

Die Schwamm-, Feucht- und Taschentücher, die ich reflexhaft zu Hand habe.
Die Keksbrösel in meiner Handtasche.
Die mehr werdenen grauen Haare.
Die permanenten Augenringe.
Not to mention S-c-h-l-a-f-m-a-n-g-e-l.

Aber.

Um mich herum mehren sich die schwangeren Mütter, die ihr zweites Kind bekommen, oder bereits bekommen haben. Die sind ebenfalls angestrengt. Und jammern. Und finden mit dem zweiten Kind wird alles schwieriger. Und die Kleinen haben so unterschiedliche Bedürfnisse. Und überhaupt das Jonglieren, die Nächte, der Alltag, die Kindernkrankheiten.

Da kann ich mir ein innerlichen Grinsen nicht verkneifen. Wie war das mit „Ein Kind ist kein Kind?“
Dann schon lieber zwei auf einen Streich!

Meine lieben kleinen Zwillinge, ich wünsche Euch alles Gute zu Eurem ein-einhalbten Geburtstag.
Ihr seid unfassbar liebenswürdig, lustig und bereichernd!

Am Fenster. Ganz schön was los hier.

Während ich öfters die Ein-Millionen-Euro Frage wälze, wie wir leben sollen (Stadt? Land? Speckgürtel? Haus? Wohnung? Garten?), sind die Zwillinge mit der jetztigen Situation hochzufrieden. Besonders mit der Aussicht aus unserer Wohnung. So haben wir zu dritt einen täglichen Programmpunkt von variierender Dauer. Aus dem Fenster beobachten, was die Außenwelt zu bieten hat (mit kleinen Sichteinschränkungen durch die von vier Kinderhänden verschmiert-schlierigen Fensterscheiben).

Da wäre zum Beispiel der Baukran, der ein paar Häuser weiter regelmäßig Lasten hin- und her schiebt und sich bewegt. Zwei aufgeregte Kinder kommentieren: „Da-Da!“ Die Laufkatze. „Da-Da!“ Der Kranfahrer. „Da-Da!“ Der Schwenk-Arm. „Da-Da!“

Desweiteren sind da die unvermeidlichen Tauben und Krähen, die sich auf Dächern, Antennen und Kaminen in Sichtweite niederlassen: „Da-Da!“. Der Turmfalke, der für eine vorübergehende Dezimierung der Taubenpopulation sorgte, ward leider  seit längerem nicht mehr gesichtet.

Seit Neuestem besucht uns eine Amsel und singt aus voller Kehle auf dem Balkongeländer. Mit nur einem knappen Meter Entfernung vom Fenster, also sehr gut zu bestaunen. Vor lauter kindlicher Faszination und Ehrfurcht für den schwarzen Singvogel bleibt das „Da-Da!“ prompt aus.

Der gut sichtbare Kirchturm, der laut zu jeder Viertelstunde schlägt, hat besonders das Herz des Sohnemanns erobert. Morgens nach dem Aufstehen drängt es ihn sofort auf den Balkon, um zu kontrollieren, ob der Glockenturm noch da ist. Er kommentiert das dann aufgeregt mit dem Zeigefinger: „Mah-Mah!“. Will heißen: Bim-Bam. Dazu bewegt er sich melodisch-schunkelnd von einem Bein auf das andere. Dieser Kontrollgang wird täglich mindestens 3-4x wiederholt.

Weiteres Highlight: der Hubschrauber-Landeplatz auf dem naheliegendem Krankenhausdach. Bedauerlich für die transportierten Patienten, erfreulich für das Töchterlein und den Sohnemann: täglich landen mehrere Rettungshubschrauber und propellern und rattern durch die Luft. Direkt vom Esszimmerfenster zu verfolgen, während die Kinder in ihren Hochstühlchen sitzen. Ergibt zweifaches minutenlanges Geschnatter: „Brrumm-Brrumm!“, „Da-Da!“

Dann wären da noch die täglich vorbeirauschenden „Tatü-Tatas“, diverse Flugzeuge, der Bagger und das Dixieklo auf der Baustelle in unserem Hinterhof, die ausführlich begutachtet und täglich aufs Neue entdeckt werden. Aber das ist alles Peanuts.

Denn gestern abend gabs da noch was vor unserem Fenster.

Ein grüner Lichtstrahl über der Stadt.
Eine lang anhaltende, elegante, horizontale Bewegung.
Eine hellstrahlende Aureole im Nachthimmel.

Ich dachte kurz an eine Sternschnuppe oder gar einen Meteoriten, verwarf diesen Gedanken aber schnell wieder. Schliesslich gibt es sicher auch im März genügend Schwachköpfe, die Feuerwerk verballern. Wobei ich mir eingestehen musste, dass das Lichtphänomen viel erhabener als eine profane Silvesterrakete wirkte.
Und siehe da, es war tatsächlich eine veritable Himmelserscheinung! Heute nicht nur in der Boulevardpresse nachzulesen.

Wenn das die Kinder erst gesehen hätten. Vielleicht hätten sie sich zu einem euphorischem „Brumm-Brumm-Da-Da-Mah-Mah!“ hinreissen lassen?!

Vielleicht bleiben wir einfach doch noch eine Weile hier wohnen. Bei diesen Aussichten!

Winterlektüre // Und zufällig drehen sich alle vier Bücher um Identität.

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Michel Houellebecq | Unterwerfung
Einen aktuelleren Roman gibt es wohl derzeit nicht. Am Tag der Attentate von Paris erschienen, wurde das Buch zu einer Prophezeihung des Untergangs des Abendlandes stilisiert. Houllebecq entwirft eine düstere Vision Frankreichs im Jahr 2022: Die einzige Rettung scheint im Islam zu liegen, der nach einem kurzen Bürgerkrieg Politik und Gesellschaft prägt. Niemand ist bereit für westlichen Werte einzustehen, die Bevölkerung versinkt in Gleichgültigkeit und Ich-Bezogenheit. Die Elite besteht nur aus Opportunisten oder blassen Persönlichkeiten. In diesen gesellschaftlichen Umwälzungen sucht der Protagonist Francois, Literaturwissenschaftler mit dem Fokus auf das 19. Jahrhundert, seinen Platz. Eigentlich ist er schon sein Leben lang auf der Suche nach seinem Platz. Francois ist Mitte vierzig, Single und kreist permanent um sich selbst. Seine Bindungsunfähigkeit lassen langfristige Beziehungen nicht zu, Ablenkung sucht er in kurzen sexuelle Affären. Sein einzig verlässliche Kompass scheint die Auseinandersetzung mit seinem Spezialgebiet, dem Werk des Schriftstellers Huysmans: er reflektiert dessen Ideale und imitiert dessen Wege, u.a. die Annäherung zum Katholizismus.
Obwohl Francois klug genug wäre, sich kritisch mit den neuen Umständen auseinander zu setzen und obwohl er die Ideologien eines islamischen Frankreichs durchaus analysiert, bleibt er unpolitisch, passiv und bequem. Francois arrangiert sich schnell mit den neuen Machthabern und deren Werten. Er pickt für sich die positiven Seiten heraus: Polygamie, Berufung an eine muslimischen Universität, Patriarchat. Über alle anderen gesellschaftlichen Änderungen sieht er gleichgültig hinweg, denn sie betreffen ihn nicht. Geschweige dass sie ihn erschüttern würden (z.B. Rechtelosigkeit der Frauen, geringer Bildungsstand, Leben nach dem Koran).
Ich verstehe „Die Unterwerfung“ als großartige Satire auf die Intellektuellen Frankreichs: die abgezirkelten Elite-Kreise werden gnadenlos vorführt. La grande nation, ein zerbröseltes, hohles Gebilde, ein Abgesang auf ein ehemals stolzes Land. Daneben ist das Buch eine unterhaltsame, kurzweilige Studie des charakterschwachen Francois, sehr präzise und auch aktuell. Denn entscheidungsunfreudige Softies gibts überall, wohlbemerkt in verschiedenen Ausprägungen. Die fiktive politische Vision eines islamischen Europas folgt einer in sich bestechenden Logik. Religionsfeindlich, islamophob oder rassistisch ist der Roman keineswegs. Absolut lesenswert!

Zadie Smith | London NW
Vier Schulfreunde, aus derselben Sozialsiedlung in London NW: der Ausgangspunkt ist ähnlich aber die Lebensentwürfe driften sehr weit auseinander. Mit Mitte dreissig ist Natalie eine erfolgreiche Anwältin. Leah dümpelt zwischen Ehe und Bürojob vor sich hin. Felix hat seine Drogensucht überwunden. Nathan ist abgestürzt. Ehemalige Freundschaften sind zerbrochen, werden nur noch künstlich oder zufällig am Leben gehalten. Der Schauplatz ist ein unübersichtliches London, weit ab der Touristenpfade, schmuddelig, hart und unglamourös. Multiethnisch, ein Gewirr an Herkunft, Sprachen und Zugehörigkeiten. Atemlos reihen sich Beobachtungen aus der Großstadt aneinander, aufgehängt an den Perspektiven der vier ehemaligen Freunde. Die Erzählung springt vor und zurück und ist gespickt von kleinen zeitgenössischen Anekdoten und Erlebnissen aus dem Milieu. Trost- und Perspektivlosigkeit überwiegen. Erfolgsgeschichten wie die von Natalie sind nur für einen hohen Preis zu haben.
Mich hat das Buch nicht überzeugt. Zu konstruiert, bzw. de-konstruiert in Aufbau und Struktur. Es strengte an, und ich habe am Ende zwar klitzekleine Splitter von urbanen Biografien verstanden, vom Leben in einer Metropole, von Chancenlosigkeit und Sich-Durchwursteln. Aber die große erzählerische Linie fehlte mir. Ein eindeutigerer roter Faden, statt loser Fragmente wären mir lieber gewesen.

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Chimamanda Ngozi Adichie | Americanah
Es geht um Haare, präziser um krauses Haar. Es geht um Heimat, Suche nach Heimat, Suche nach Identität. Es geht um Rassen, Rassenzugehörigkeit. Um versteckten, offensichtlichen und pseudo-positiven Rassismus. Um den Alltag in Afrika, Amerika, Europa. Um die Liebe. Um Gesellschaftspolitik. Um Barack und Michelle Obama. Um die Geschlechterrollen im Zeitgeist des 21. Jahrhunderts. Kurz: die nigerianische Autorin Adichie hat sich nicht die kleinsten Themen vorgenommen.
Der Roman behandelt auf verschiedenen Zeitebenen die Liebesgeschichte von Ifemelu und Obinze, die ihren Beginn in Lagos, Nigeria nimmt. Ifemelu verschlägt es dank eines Stipendiums eher zufällig in die Vereinigten Staaten. Dort erlebt sie große Anfangsschwierigkeiten, fasst aber nach langen Jahren Fuß. Sie ist erfolgreich in Universitätsstudium und Beruf. Und betreibt, erst nebenbei, dann hauptberuflich, einen Blog über ihren „Blick von Außen“ auf die alltäglichen Probleme, die sich ihr als Afro-Schwarze in den USA auftun. Obwohl Ifemelu als Paradebeispiel für gelungene Integration gilt, will sie nach 15 Jahren zurück nach Nigeria, zum absoluten Unverständnis ihrer Umgebung. Zu ihrer großen Liebe Obinze hat sie zwischenzeitlich den Kontakt abgebrochen. Dieser lebte vorübergehend illegal in Großbrittannien, ist aber zurück nach Lagos abgeschoben worden. Dort gelingt ihm eine aufstrebende Karriere im Immobilienbereich.
Spannend war der Roman für mich, weil er ein Fenster zu einer komplett anderen Welt öffnet: den nigerianischen Alltag von zwei selbstbewußten und gebildeten, unbeschwerten Jugendlichen. Diese Unbeschwertheit nimmt ein rasches Ende, sobald beide den afrikanischen Kontinent verlassen – denn plötzlich klebt ein unsichtbares Etikett auf ihren Köpfen: sie sind schwarz. Die Hautfarbe hatte bis dato in ihrem Selbstverständnis in Nigeria keine Rolle gespielt. Die Sicht und Erfahrung der beiden von Fremdheit, Rassismus, Ablehnung ist interessant, vorallem durch Ifemelus Blog-Einträge, die in den Roman eingestreut sind. Die Sicht auf ein Amerika, das trotz schwarzem Präsidenten noch viele Vorurteile gegenüber „Nicht-Weißem“ trägt, macht nachdenktlich.
Erzählform ist lebendig, die Schilderung der Charaktere teilweise aber holzschnittartig. Dennoch die Geschichte liest sich sehr gut – man will wissen wie es ausgeht. Zum Schluss leider ein Punktabzug: ein offeneres, anderes Ende, wäre mir lieber gewesen. Weiterer Punktabzug für das schlampige Lektorat des Verlags, es finden sich immer wieder Übersetzungs- und Rechtschreibfehler. Das englische Original zu lesen ist vermutlich die bessere Alternative.

Michael Kumpfmüller | Die Herrlichkeit des Lebens
Ein Buch über das letzte Lebensjahr Franz Kafkas. Erstaunliches geschieht: der kranke, sensible und zurückgezogen lebende Kafka verliebt sich bei einem Kuraufenthalt an der Ostsee in Dora Diamant, eine sehr geerdete, patente junge Köchin, die in einem Kinderheim arbeitet. Eine zarte Liebesgeschichte bahnt sich an. Die beiden beschließen, gemeinsam nach Berlin zu ziehen. Kafka kehrt zunächst nach Prag zurück, nach einer Zeit des Wartens und der Sehnsucht treffen sich Dora und Franz wieder und beziehen gemeinsam 1923 in Berlin-Steglitz eine Wohnung. Innerhalb kurzer Zeit müssen sie zweimal umziehen. Inflation, Armut und Arbeitslosigkeit beherrschen die Stadt. Der Alltag ist schwierig zu organisieren, der Zustand von Kafka verschlechtert sich zunehmend: Tuberkulose im fortgeschrittenen Stadium.
Die letzten Monate verbringt der Dichter in Prag bei seinen Eltern und in einem Sanatorium in Österreich. Dora weilt bei ihm, durchlebt mit ihm die verschiedenen ärztlichen Behandlungen, immer wieder in der Hoffnung auf Besserung. Aber die Krankheit ist unheilbar, die Lebenskräfte Kafkas schwinden, er verfällt zunehmend und stirbt. Dora begleitet Kafka auf seiner letzten Reise und durchleidet die letzten Stunden mit ihm.
Dieser Roman hätte schnell in Kitsch und Rührseligkeit ausarten können, reisserisch und voyeuristisch. Das Gegenteil ist der Fall. Michael Kumpfmüller erzählt leise, behutsam und unglaublich zart von der Liebe zweier Menschen. Diese Leichtigkeit assoziiert man nicht mit Kafka, und ich habe Lust bekommen, seine letzten Erzählungen zu lesen.
Der Roman geht ans Herz, ist poetisch und unprätentios geschrieben. Beruht auf den biographischen Geschehnissen und ist hervorragend recherchiert und fängt die Atmosphäre der Zeit ein.
Sehr sehr schön. Sehr sehr lesenswert. Und sehr sehr traurig.

Winter verzisch dich, keiner vermisst Dich.

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Dieser Winter ist viel länger als der letztjährige. Nichts mit schneearm und sonnig. Und die Zwillinge (und somit auch ich) haben andere Bedürfnisse. Letztes Jahr habe ich lange Spaziergänge gemacht. Die Kinder schliefen genügsam im Wagen. Mir hat die Bewegung an der frischen Luft geholfen, dem Tag Struktur zu geben und über den fehlenden Schlaf hinweg zukommen.

Dieser Winter ist anders.
Länger. Dauert mindestens seit November an und bleibt uns vermutlich bis April erhalten (trotz erster zaghafter Schneeglöckchenspitzen). Es ist kalt und durchgängig greislig. Es liegt Schnee und Eis auf den Straßen, wahlweise auch Matsch und Gatsch. Es ist tagelang grau. Weiterlesen